Beziehungen als Anker im Schulalltag
Gute Beziehungen sind kein „Extra“ des Schulalltags, sondern eine Grundlage für Beteiligung, erfolgreiches Lernen und gelingende Schulentwicklung. Die Kommunikationsbasis ist dabei das A und O. Wie können Beziehungen auf Augenhöhe im Schulalltag gestaltet werden – zwischen allen?
Die Schulleiterin Sandra Schmitt (Regelschule Geraaue, Erfurt), deren Kollegium sich in einer Weiterbildung diesem Thema widmete, und die Kommunikationsexpertin Mirjam Binder erklären, wie Gewaltfreie Kommunikation (kurz: GFK) Lehrkräfte dabei unterstützen kann, Beziehungen zu gestalten und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Beziehungen als Schulentwicklungsthema
Beziehungen sind ein Anker für Schule – und zugleich eine Herausforderung. Aktuelle Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers zeigen, wie eng das Erleben von Unterstützung und Wertschätzung durch Lehrkräfte mit dem schulischen Wohlbefinden von Schüler:innen verbunden ist. Zugleich schaffen wertschätzende und unterstützende Beziehungen eine wichtige Grundlage für Lernmotivation und eine lernförderliche Haltung: Wer sich gesehen und unterstützt fühlt, kann sich eher auf das Lernen einlassen.
Gleichzeitig nennen 46 Prozent der Lehrkräfte den Umgang mit dem Verhalten ihrer Schüler:innen als größte berufliche Belastung – deutlich mehr als noch 2024 (35 Prozent) (Vgl. Deutsches Schulbarometer: Verhalten von Schüler:innen ist die größte Belastung für Lehrkräfte | Robert Bosch Stiftung). Wie kann es gelingen, in diesem Spannungsfeld handlungsfähig zu bleiben und Beziehung auf Augenhöhe als Haltung zu verankern – als Grundlage für Motivation, Lernbereitschaft und gelingende Lernprozesse?
Beziehungsarbeit ist die Grundlage für gelingende Schulentwicklung. Viele Kinder erfahren in ihrem Alltag nicht mehr selbstverständlich Beziehungspflege und direkte Kommunikation im Umgang mit Herausforderungen und Konflikten. Das braucht Übung. Wenn die Beziehungsebene für Schüler:innen an der Schule stimmt, kommt die fachliche Neugier oft von ganz allein. Leider gibt es an Schulen häufig nur wenige Ressourcen für dieses wichtige Thema. (Melanie Findeisen, Programmreferentin und Schulentwicklungsberaterin im Programm Erfolg macht Schule 2.0)
Erst sich selbst verstehen, dann andere
Mit dieser Frage beschäftigte sich das Lehrkräftekollegium der Thüringer Regelschule im Workshop „Beziehung an Schule gestalten“. Nach einem Beziehungsbingo zum Einstieg (siehe Download) führte die Coachin, Mediatorin und Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation Mirjam Binder zunächst in die vier Schritte der GFK ein: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte.
Eine sinnvolle Herangehensweise ist dabei der Blick auf die Selbstklärung: Welche Antreiber wirken in mir? Was fühle ich? Was brauche ich? Erst wenn die eigenen Bedürfnisse und Reaktionen wahrgenommen werden, kann ein empathischer Perspektivwechsel gelingen.
„Es ist hilfreich, sich selbst zu kennen – zu wissen, was mich antreibt“, betonte Mirjam Binder.

Anders reagieren
Nach der Einführung und verschiedenen Zuhörübungen ging es in Gruppenarbeiten ganz praktisch um das Thema „Anders reagieren“ – wie kann das im Schulalltag gelingen?
- Welche Routinen helfen, eigene Themen zu Unterrichtsbeginn zu parken?
- Wie können eskalierende Situationen schnell und wertungsfrei unterbrochen und begleitet werden?
- Wie können Lehrkräfte gut für sich selbst sorgen?
Dabei spielt laut Mirjam Binder zunächst die eigene innere Sicherheit eine zentrale Rolle: „Bin ich gerade in der Lage, der Situation allein zu begegnen?“ Und: „Was braucht es, um dem Bedürfnis des Kindes gerecht zu werden?“
Eine Lehrkraft fasste eine zentrale Erkenntnis zusammen: „Es kann keinen universellen Werkzeugkoffer für Kommunikationsmethoden geben. Wir müssen selber unseren Koffer packen und Strategien entwickeln – im Austausch mit den Kollegen und Kolleginnen.“
Den eigenen Koffer packen
Der Workshop machte deutlich: Beziehungsarbeit beginnt nicht erst beim Gegenüber. Wer die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen kennt, kann auch in herausfordernden Situationen bewusster reagieren. Eine sozialpädagogische Fachkraft formulierte es so:
Wir sollten verstehen, dass wir wertvoll sind, wenn wir die eigenen Bedürfnisse, über die wir gern im Schulalltag hinwegsehen, mit einbeziehen. […] Wenn Vertrauen im Kollegium da ist, sich zu zeigen, dann findet man auch Weggefährten, weil man merkt, man ist mit den Herausforderungen im Schulalltag nicht allein.
So wird Beziehung zur Aufgabe auf mehreren Ebenen: zwischen Lehrkräften und Schüler:innen ebenso wie innerhalb des Kollegiums.
Interview mit Schulleiterin Sandra Schmitt
(RS Geraaue, Erfurt)
Warum ist „Beziehungen an Schule“ für Ihre Schule ein zentrales Schulentwicklungsthema?
Sandra Schmitt: Schule ist weit mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Als sozialer Lebens- und Lernraum ist sie geprägt von täglichen Beziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften, pädagogischen Fachkräften und Eltern. Eine tragfähige Beziehungskultur schafft Sicherheit, Zugehörigkeit und Vertrauen und bildet damit eine wichtige Grundlage für gelingendes Lernen.
Forschungsergebnisse, unter anderem von John Hattie, zeigen die Bedeutung der Lehrer-Schüler-Beziehung für Motivation, Engagement, Leistung, Verhalten und Wohlbefinden. Wertschätzung, Empathie, positive Erwartungen, Vertrauen und echtes Interesse ermöglichen es Schülerinnen und Schülern, sich auf Lernprozesse einzulassen und Herausforderungen zu bewältigen. Axel Burows Positive Pädagogik ergänzt diese Perspektive durch die Bedeutung von Anerkennung, Stärkenorientierung und Selbstwirksamkeit.
Auch das Thüringer Schulgesetz unterstreicht die Relevanz von Beziehungen. Gerechtigkeit, Solidarität, Akzeptanz und Gleichberechtigung sowie die Entwicklung von Selbstvertrauen und eigenverantwortlichem Handeln gehören zum Bildungs- und Erziehungsauftrag. Beziehungsarbeit ist somit ein zentraler Bestandteil einer lernförderlichen und zukunftsfähigen Schulkultur.
Was braucht es, damit Beziehung auf Augenhöhe und Gewaltfreie Kommunikation nicht nur Workshoptheme+n bleiben, sondern gelebte Haltung werden an Ihrer Schule?
Sandra Schmitt: „Beziehung auf Augenhöhe“ undGewaltfreie Kommunikation“ sollen nicht auf einzelne Workshops beschränkt bleiben, sondern Teil einer nachhaltig gelebten Schulkultur werden. Eine solche Haltung entsteht durch gemeinsame Erfahrungen, kontinuierliche Reflexion und verbindliche Routinen im Alltag. Beziehung auf Augenhöhe bedeutet, allen Menschen unabhängig von ihrer Rolle mit Würde, Respekt, Wertschätzung und Aufmerksamkeit zu begegnen. Gewaltfreie Kommunikation verstehen wir als Haltung, die aktives Zuhören, Empathie, Perspektivwechsel, klare Sprache und einen konstruktiven Umgang mit Grenzen und Konflikten umfasst.
Die Entwicklung dieser Kultur beginnt bei den Erwachsenen und erfordert die regelmäßige Reflexion des eigenen Handelns. Fortbildungen müssen deshalb durch kollegiale Fallberatung, Hospitation, Feedback und gemeinsame Reflexionszeiten in den Schulalltag überführt werden. Ebenso wichtig ist die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler. Klassenrat, Schülervertretung und Feedbackformate ermöglichen es, ihre Perspektiven einzubeziehen. Auch im Kollegium und in der Zusammenarbeit mit Eltern soll eine wertschätzende Kommunikation sichtbar werden. Unser Ziel ist eine Schule, in der Beziehung die Grundlage des täglichen pädagogischen Handelns bildet und wertschätzende Beziehungsgestaltung selbstverständlich zum professionellen Handeln gehört.
Interview mit Kommunikationsexpertin Mirjam Binder
Warum ist die Selbstklärung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse ein so wichtiger Ausgangspunkt für gelingende Kommunikation – gerade in der Schule?
Mirjam Binder: Jeder Mensch möchte in erster Linie angenommen und akzeptiert sein mit dem, was ihn oder sie beschäftigt. Deshalb ist es umso wichtiger, zu Beginn sich selbst besser kennenzulernen und zu verstehen. Wenn das passiert, fällt es leichter, dem Gegenüber wertfrei zu begegnen und zu hören, was ihn oder sie umtreibt. Das ist für mich die Basis einer gelingenden Kommunikation. Schülerinnen und Schüler brauchen Stabilität, Orientierung, Sicherheit und Verlässlichkeit – gerade in Lebensphasen, in denen bei ihnen alles drunter und drüber geht. Beschenken wir uns selbst, beschenken wir auch diese jungen Menschen.
Was kann Lehrkräften helfen, in eskalierenden Situationen innerlich sicher und deeskalierend zu handeln?
Mirjam Binder: Es macht einen Unterschied, ob ich sofort loslege oder mir einen Moment des Innehaltens erlaube, um mich selbst zu regulieren. „Bin ich gerade in der Lage dazu?“, „Was brauche ich unterstützend?“, „Kann ich meins parken?“. Dieses Innehalten kann Lehrkräften in eskalierenden Situationen helfen, schneller handlungsfähig zu sein und zu reagieren, ohne bereits die Schuldigen „zu kennen“. Dabei hilft Übung und die Einstellung, milde mit sich und anderen zu sein.
Was würden Sie Schulen raten, die ihren eigenen „Werkzeugkoffer“ für Beziehung und Kommunikation entwickeln möchten?
Mirjam Binder: Kommunikation als Methode und der GFK als Haltung. Diesem Erfahren wohnt ein großer Schatz der Entwicklung inne. Ich erlebe es als befreiend, die eigenen Themen zu erkennen und zu verstehen. Je eher wir auch Schülerinnen und Schülern zeigen, wer wir sind, umso eher können Beziehungen entstehen und wachsen und umso eher können Vertrauen und Verständnis füreinander entstehen.
Eines noch: Man sollte nie aufhören, anzufangen. Auch nach einer Zeit der Pause kann man die eigene Entwicklung reflektieren und sehen, welchen Weg man schon gemeistert hat. Das, denke ich, ist wichtig für Schule.
Der Workshop fand im Rahmen des Förderprogramms Erfolg macht Schule 2.0 der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung statt.
Quellen zum Deutschen Schulbarometer:
Deutsches Schulbarometer – Schüler 2025/26
Deutsches Schulbarometer – Lehrkräfte 2026
Weiterführende Links
gute-schule-gemeinsam-gestalten2023_digital.pdf
Gewaltfrei kommunizieren im Klassenzimmer | Schule in Bayern
Beziehungskultur im Unterricht gestalten – Das Deutsche Schulportal



