„Kein System, in dem ein Kind funktionieren muss.“

Robin Remus über Augenhöhe im Klassenzimmer und Coaching, das schon im bestehenden Stundenplan funktioniert.

Robin Remus ist Lehrkraft an der Jenaplanschule Weimar und hat ein Kartenspiel mit dem Namen „Das Gespräch“ für individuelle Lernrückmeldung entwickelt.  Als Referent gibt er außerdem Workshops zu Schulentwicklung. So auch im Rahmen des Programms Erfolg macht Schule 2.0. Selbst hat er Schule als autoritär erlebt. Autonomie und Lernfreude gingen ihm dort fast verloren. Sein Ziel:

Ich möchte überhaupt kein System, in dem ein Kind funktionieren muss.

Mehr als die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten

Was treibt Remus an? „Der Kern meiner Arbeit ist ein unabdingbares Interesse an der bedingungslosen Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit, seiner Bedürfnisse und seiner Freiheit – in einer demokratischen Welt, in der Kinder nicht zu Befehlsempfängern werden sollen, sondern zu freiheitsliebenden, selbstdenkenden und empathischen Menschen.“
Das beginnt für ihn mit echter Partizipation. Damit meint er nicht, dass Kinder gelegentlich zwischen zwei vorgegebenen Möglichkeiten auswählen dürfen.

Im Schulalltag versucht er als Lehrkraft den rechtlichen und organisatorischen Rahmen, in dem Schule stattfindet, so zu nutzen, dass Kinder darin den maximal möglichen Spielraum bekommen. Das könne bei der Wahl von Projekten und Themen beginnen. Das reiche über Sozialformen (zum Beispiel Einzel- oder Gruppenarbeit), Methoden und Anwendungsbeispiele bis zu den Produkten, die am Ende entstehen. Es geht ihm auch darum, wie Schule selbst gestaltet wird und wie Kinder in schulorganisatorische Entscheidungen einbezogen werden. 

Augenhöhe ist eine Haltung

Remus’ Rat an Lehrkräfte klingt einfach: „Begegnet Kindern ab sofort auf Augenhöhe.“ Lehrkräfte müssten ihre Autorität nicht über Nachnamen oder Position einfordern. Ein Zeichen dafür könne das „Du“ sein. Remus würde Lehrkräften sogar empfehlen, sich duzen zu lassen. Ein „Du“ mache aber nicht automatisch gute Pädagogik. Autorität entstehe, wenn Kinder spüren: „Diese Person nimmt mich ernst.“ Und weiter: „Respekt und Anerkennung müssen wir uns durch Verständnis und Professionalität verdienen – nicht durch Hierarchie.“ Und Remus ergänzt:

Die Anerkennung als Person darf nicht von Leistung abhängig sein. Vereinfacht gesagt: Es ist egal, was du leistest – ich erkenne dich als Person trotzdem an.

Perspektivwechsel statt Bauchgefühl

Remus fordert Lehrkräfte auf, vom Kind aus zu denken. Sie sollen sich fragen: Wie hätte ich mich damals gefühlt? Doch die eigene Kindheit dürfe nicht zum Maßstab werden. „‚Mir hat das auch nicht geschadet‘ ist für mich kein pädagogisches Argument.“ Stattdessen brauche es aktuelle Erkenntnisse aus Entwicklungspsychologie und Hirnforschung.

Spiel als Gesprächsgrundlage einsetzen

Remus will Lehrkräften keine fertigen Lösungen vorsetzen. Auf Grundlage des Jenaplans gibt er ihnen Werkzeuge an die Hand. Damit sollen sie selbst kompetent auf eine sich ständig verändernde Schulwirklichkeit reagieren.

Eines dieser Werkzeuge ist das von Remus selbst entwickelte Kartenspiel „Das Gespräch“. Es verbindet zwei Elemente des Jenaplans: das Gespräch und das Spiel. Etwa vier Lernende sprechen rund 30 Minuten mit der Lehrkraft. Die Karten sind farblich und kategorisch so gestaltet, dass sie drei Themen abdecken: „Mein Lernen verstehen“, „Meine Arbeit wertschätzen“, „Miteinander und Verantwortung“. Auf jeder Karte ist eine Fragestellung abgebildet, die im Gespräch zwischen Lehrkraft und Schüler:innen besprochen werden kann, z. B. „Was hat dir zuletzt geholfen und wie. „Die Karten sind dabei keine Checkliste und es gibt keine ‚richtigen‘ Antworten. “Die Lehrkraft hört zu und fragt nach. Sie will wissen: Was beschäftigt das Kind gerade? „Das Ziel ist, das Kind zu verstehen, bevor seine Leistung eingeschätzt wird.“

 

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Bildrechte: Robin Remus

Begleiten heißt: erst verstehen

Warum das Verstehen der Leistungsrückmeldung vorangeht, zeigt Remus an einem Beispiel. Wenn er nicht weiß, dass ein Kind an diesem Tag Migräne hat, dass die Großmutter gestorben oder die Katze weggelaufen ist, kann er eine konkrete Leistungssituation nur sehr eingeschränkt interpretieren. Bevor er Kompetenzentwicklung beurteilen und daraus eine nachvollziehbare, transparente und lernförderliche Bewertung ableiten kann, muss er den Menschen kennen und seine Situation verstehen.

Eine Bewertung kommt erst danach. Sie nutzt klare Kriterien und bleibt für das Kind durchschaubar. Für Remus ist Bewertung deshalb kein Schlusspunkt. Sie ist „der Ausgangspunkt für den nächsten Lernprozess“.

Daten, die jede Familie lesen kann

Über mehrere Coachinggespräche hinweg entstehe ein wesentlich umfassenderes Bild von Lernentwicklung als durch einzelne Punktmessungen. Dafür könne das Kartengespräch aufgezeichnet und transkribiert werden, etwa mit dem Dienst-iPad. Das geschehe ausschließlich mit Einwilligung der Familien und datenschutzkonform, betont Remus. Einfließen könnten jene Ereignisse, die das Kind selbst im Coaching thematisiert hat.

Mit KI ließen sich die anonymisierten Daten auswerten. Die Entwicklung ließe sich dann grafisch darstellen (siehe Beispiel in Abbildung). So werde sichtbar, in welcher Verfassung ein Kind in eine Leistungssituation ging. „Entscheidend sind die rot markierten Lücken zwischen beiden Linien.“, erklärt Remus, „An solchen Tagen liegt die gemessene Leistung deutlich unter dem, was das Kind eigentlich kann. Eine Bewertung, die nur den Messtag sieht, hält diesen Tiefpunkt für das Können des Kindes. Erst das Gespräch mache sichtbar, warum die Leistung eingebrochen ist.“

Remus will damit außerdem der sozialen Schere entgegenwirken. Seitenlange Lernberichte wirken oft nur dort, wo sie jemand zu Hause lesen und die richtigen Schlüsse ziehen kann. Eine Grafik verstehe jede Familie, unabhängig von Sprache, Herkunft oder Bildungsstand.

 

Graph

Fiktiver Beispielverlauf eines Halbjahres. Die gelbe Linie zeigt die Leistungsfähigkeit am jeweiligen Messtag, die grüne die Kompetenzentwicklung. Rot eingekreist sind Lebensereignisse aus den Gesprächen. Die rote Fläche zeigt, wo die Tagesform unter dem Können liegt – der Bereich, den eine reine Leistungsmessung übersieht. (Bildrechte: Robin Remus)

Vom Gespräch zum Diagnostikbogen

Nach dem Kartengespräch kommt der Diagnostikbogen zum Einsatz. Die Kinder schätzen ihre aktuelle Leistungsfähigkeit auf einer Skala von 1 bis 10 ein. Die Lehrkraft schätzt ebenfalls. Beide Einschätzungen liegen danach nebeneinander. Dann reflektieren die Kinder ihren Lernprozess. Was ist mein Ziel? Warum ist es wichtig? Wann möchte ich es erreichen? Wie werde ich zeigen, was ich gelernt habe? Was möchte ich zu meinem Lernprozess sagen und was sind meine nächsten Schritte? Erst danach betrachtet Remus die Kompetenzentwicklung. Der Bogen unterscheidet dabei unter anderem zwischen Sachkompetenz, Planungskompetenz und Selbstkompetenz.

Für die Kinder macht er die Grenze transparent. Bis hierhin ging es darum, sie und ihre Situation zu verstehen. Jetzt bewertet die Lehrkraft Arbeit, Prozess und Kompetenzentwicklung anhand klarer Kriterien. Auch die Lehrkraft prüft sich selbst. D, etwa zu Materialien und Coachings Die Selbstreflexion der Lehrkraft läuft über zwei Zielscheiben. Mit der ersten geben die Kinder Feedback, etwa zu Materialien, Coachings oder fachlichen Inputs. Die zweite richtet den Blick der Lehrkraft auf sich selbst.

Kinder entscheiden mit

Der gesamte Prozess funktioniere auch dann, wenn eine Schule noch nicht (sofort) ihre gesamte Rhythmisierung verändern kann, also den 45- oder 90-Minuten-Takt. Eine 45- oder 90-Minuten-Einheit kann beispielsweise so organisiert werden, dass ein freiwilliger Fachinput angeboten wird. Die Kinder können daran teilnehmen, müssen es aber nicht. Basismaterial oder Materialien zum selbstorganisierten Lernen helfen dabei. Wer die notwendigen Informationen so erschließen kann, arbeitet selbstständig weiter. Nur der Teil der Gruppe, der aktuell tatsächlich Begleitung benötigt, bleibt unmittelbar bei der Lehrkraft.

Die gewonnene Zeit kann für Projektarbeit genutzt werden. Innerhalb der Projekte finden verbindliche Coachinggespräche statt. Bei einem vierwöchigen Projekt könnten beispielsweise zwei verbindliche Coachings vorgesehen sein. „Entscheidend ist aber: Die Schülerinnen und Schüler legen selbst fest, wann sie zu ihrem Coaching kommen.“

Auch Fehler gehören für Remus dazu. Kinder dürfen scheitern. Das Scheitern darf ihm zufolge die Beziehung zur jeweiligen Lehrkraft als Bezugsperson nicht infrage stellen. Die Reflektion des Scheiterns selbst ist Bestandteil der professionellen Begleitung der Kinder durch die Lehrkraft.

Wohin das führt

Remus’ Ziel ist der Weg vom selbstorganisierten zum selbstregulierten Lernen.

Selbstorganisation allein reicht nicht.“ Ein Kind könne durchaus selbstständig Aufgaben abarbeiten, ohne wirklich zu wissen, warum es etwas tut.

Wie Schulen mit Schulentwicklung anfangen können, auch in herausfordernder Lage

Schulen in herausfordernder Lage kämpfen mit vielen Problemen. Schulentwicklung wird dadurch schwerer. Was braucht eine Schule in dieser Lage?

Für Remus beginnt Schulentwicklung zunächst mit einem gemeinsamen Leitbild. Die Richtung einer Schule müsse gemeinsam entwickelt werden. Das Leitbild gebe Orientierung bei pädagogischen, methodischen und didaktischen Entscheidungen. Ein guter erster Schritt könne projektorientiertes Lernen sein. An der Jenaplanschule Weimar stimmen sich die jeweiligen Fachbereiche dafür ab. Welche Inhalte überschneiden sich? Was müssen wir wirklich vermitteln? Was kann entfallen? Und wie können wir daraus ein kompetenz- und methodenorientiertes Lernangebot entwickeln? Die Partizipation bleibe dabei zentral. Die Lehrkraft behalte das Kompetenzziel im Blick. Sie werde aber beweglicher bei der Frage, auf welchem Weg die Kinder dieses Ziel erreichen.

Für Remus geht es bei Schulentwicklung jedoch um mehr als Methoden. Das vorgestellte Coaching sei für ihn auch mehr als eine Methode.

Es ist ein Weg, Beziehung, Freiheit, Verantwortung und Lernen wieder miteinander zu verbinden.

Freiheit heiße dabei nicht, Kindern einfach alles freizustellen. Sie entstehe dort, wo Kinder echte Möglichkeiten zur Mitgestaltung bekommen. Dazu gehöre, dass sie Verantwortung übernehmen können und „Menschen an ihrer Seite haben, die ihnen etwas zutrauen“.

Mehr zum Kartenset

Auf der Website von Robin Remus ist das Kartenspiel erhältlich. Den Link finden Sie: hier

Robin Remus

Bildrechte: Robin Remus

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